Mobilität ganzheitlich denken

Mobilität ganzheitlich denken
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Mobilität ganzheitlich denken

Die Vernetzung des Radverkehrs mit dem Zugfahren sollmehr Menschen zum Umstieg auf das Fahrrad motivieren. An Konzepten dafür arbeitet die PTV Group. Sie unterstzützt damit auch die von der DB Station&Service AG betriebene Informationsstelle “Fahrradparken am Bahnhof”. Annette Kindl aus dem Forschungsteam der PTV Group arbeitet an der vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) beauftragten und von der DB Station&Service AG betriebenen Informationsstelle “Fahrradparken am Bahnhof”mit. Im Interview mit globalmagazin erläutert sie, welche Ziele die Projekte verfolgen.

Nachhaltige Mobilitätskultur braucht verstärkt die Parallelnutzung verschiedener Transportmittel: Wie funktioniert der intermodale Umstieg am besten?

Annette Kindl:Mobilität muss heute ganzheitlich und mit Fokus auf die Bedürfnisse der Menschen gedacht und umgesetzt werden.  Im Prinzip wollen wir alle möglichst einfach, bequem und schnell von A nach B kommen. Unsere Städte und Regionen wurden Jahrzehnte lang darauf ausgerichtet, dass dies am besten mit dem Auto möglich ist. Die Rad-Infrastruktur ist beispielsweise meist nachgelagert ohne besonderen Stellenwert entstanden. Für eine nachhaltige Mobilitätskultur muss sich der Fokus verändern.

Wie genau?
Annette Kindl PTV
Annette Kindl Foto: PTV Group

Es gilt den Platz neu aufzuteilen, an den richtigen Stellen in die Infrastruktur zu investieren und zu regulieren. Gerade für „ungeschützte“ Verkehrsteilnehmenden (Zufußgehende und Radfahrende) spielen sowohl die objektive als auch die gefühlte Sicherheit eine wichtige Rolle, d. h. dass es sowohl objektiv sicher ist als auch, dass es sich so anfühlt. Öffentliche Verkehrsmittel müssen attraktiv sein und mit alternativen Modi sowie neuen Services bestmöglich verknüpft werden, damit sie im Zusammenspiel möglichst komfortabel genutzt werden können.

Oft behindern bauliche Hürden heute noch das Zusammenspiel von Fahrrad und Bahn: Was sind die größten Aufgaben und wie sind sie zu lösen?

Laut einer Forsa-Umfrage können sich 44 Prozent der deutschen Pendlerinnen und Pendler eine Kombination aus Rad und Bahn auf ihrem täglichen Arbeitsweg vorstellen. Eine gute Anbindung des Bahnhofs durch Radwege ist für viele eine wichtige Voraussetzung.

Attraktiv wird die Bike+Ride-Option dann, wenn man das Fahrrad am Bahnhof gesichert, unkompliziert und witterungsgeschützt abstellen kann und der Bahnhof aus allen Richtungen gut und schnell mit dem Rad erreichbar ist. Deutschland braucht zum Beispiel bis 2030 bis zu 1,5 Millionen zusätzliche Fahrradabstellplätze an Bahnhöfen. Das hat die Studie „Fahrradparken an Bahnhöfen“, die wir im Rahmen der wissenschaftlichen Beratung des BMDV zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie gemacht haben, gezeigt.

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Was muss demnach geschehen?

Eine große Aufgabe besteht darin, die Kommunen, die für den Bau der Abstellanlagen an Bahnhöfen zuständig sind, zu motivieren, sich hier zu engagieren. Dazu müssen auch die vorteilhaften Wirkungen von Bike+Ride (wie CO2-Einsparung, aber auch städtebauliche Aspekte) in der Politik noch besser kommuniziert werden. Eine große Herausforderung besteht zudem darin, geeignete Flächen für die Abstellanlagen zu finden. Die Nutzungskonkurrenzen ist im Bahnhofsumfeld häufig groß. Hier zeigt sich aber auch der große Vorteil des Fahrrads gegenüber dem Pkw. Schließlich passen auf eine Pkw-Stellplatz bis zu 9 Fahrräder!

Liegen die Hindernisse eher in der Infrastruktur oder in der Kommunikation der Möglichkeiten einer gemeinsamen Nutzung von Bike und Bahn?

Wir gehen stark davon aus, dass ein flächendeckender Ausbau von Fahrradabstellanlagen die Nutzung der Option von Fahrrad und Bahn deutlich erhöhen wird. Dies zeigen Erfahrungen, wenn neue hochwertige Abstellanlagen und Fahrradparkhäuser gebaut wurden. Wichtig ist dabei, dass die Vorteile für die Nutzenden entsprechend kommuniziert werden. Und es braucht zudem eine entsprechende Verkehrspolitik, die den Umweltverbund gesamthaft zum Beispiel mit so genannte Push + Pull – Maßnahmen fördert.

Vom Vorbild Niederlande inspirieren lassen
Die Niederlande gelten als Musterland für die Infrastruktur im Fahrradverkehr: Was können wir von dort lernen – oder auch noch besser machen?

In den Niederlanden zeigt sich sehr gut, dass eine gute Infrastruktur die Wahl des Verkehrsmittels beeinflusst. Das Netz an Rad- und Radschnellwegen ist dort hervorragend ausgebaut, die Fahrradspuren sind breit und meist vom Autoverkehr getrennt. In Neubaugebieten werden Fahrradabstellanlagen immer gleich mitgedacht, an Bahnhöfen stehen große Fahrradparkhäuser zur Verfügung. Menschen steigen dann auf das Rad um, wenn sie sich so komfortabel, schnell und sicher fortbewegen können. In den Niederlanden hat man den Radverkehr allerdings etwas zu einseitig gefördert und dabei häufig den Fußverkehr vernachlässigt. Daraus können wir jetzt lernen: Wir sollten die Nicht-Motorisierten Verkehrsarten gleichermaßen fördern und sie nicht zu Konkurrenten machen.

PTV erarbeitet eine Checkliste für die zu lösenden Aufgaben: Welches sind die (drei bis fünf) Top-Punkte, die sie angehen wollen?

Für die neue Informationsstelle Fahrradparken am Bahnhof erarbeiten wir zunächst ein Verfahren, um die Wirkungen von Fahrradabstellanlagen an Bahnhöfen abschätzen zu können. Dazu gehören neben Faktoren wie der Einsparung von CO2 und der Reduktion von Luftschadstoffen auch Aspekte, wie die Verbesserung des Stadtimages, wenn die Reisenden mit einem „aufgeräumten“ Bahnhofsvorplatz empfangen werden. Zudem werten architektonisch gut gestaltete Fahrradparkhäuser das Stadtbild im Bahnhofsumfeld auf. Das soll die Planerinnen und Planer vor Ort dabei unterstützen, Kommunalpolitikerinnen und -politiker sowie Bürgerinnen und Bürger von ihren Projekten zu überzeugen.

Wie?

Wir analysieren im nächsten Schritt alle wesentlichen Aspekte, die bei der Einbindung des Bahnhofs und der Fahrradabstellanlage in das örtliche und regionale Radverkehrsnetz berücksichtigt werden müssen und erarbeiten daraus eine Checkliste zu verkehrlichen Begleitmaßnahmen. Dazu gehört zum Beispiel die Anbindungen des Bahnhofs ans Radverkehrsnetz, die Integration von Fahrradparkplätzen in die kommunale Mobilitätsstrategie oder auch, dass Fahrradparkplätze in digitale Angebote integriert werden.

red

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