Schlaue Ziegen: Sie lieben Herausforderungen

Schlaue Ziegen: Sie lieben Herausforderungen
Foto: Filinecek/Pixabay CC/PublicDomain

Schlaue Ziegen: Sie lieben Herausforderungen

Keine Angst vor Denksport: Milchziegen lieben es, Aufgaben zu lösen. Eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie zeigt, dass sich die Vierbeiner gerne eine Belohnung mit einer Anstrengung verdienen – auch wenn sie diese einfach so bekommen könnten. „Diese Eigenheit könnte zur Verbesserung der tiergerechten Haltung beitragen“, sind die Wissenschaftler nun überzeugt.

Die Studie ist Teil eines größeren gemeinsamen Projektes zwischen dem Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf (Deutschland) und Agroscope in Tänikon (Schweiz). Im Projekt werden die Lernfähigkeiten unterschiedlicher Ziegenrassen und die Auswirkungen langfristiger kognitiver Umweltanreicherung auf die Stressresistenz der Ziegen untersucht.

Milchziegen überraschend motiviert

„Wenn sie sich mit einer Herausforderung konfrontiert sehen, wenden sich Ziegen nicht ab, sondern reagieren positiv“, schreiben die Wissenschaftler in einem Beitrag fr den Informationsdienst der Wissenschaft (idw) über ihre Arbeit mit den Ziegen.

„In dieser Versuchsanordnung entschieden sich die Ziegen beider Zuchtlinien in knapp der Hälfte der Fälle für die zweite Option. Sie stellen sich also gerne solchen Herausforderungen“, sagen zwei der Studienleiterinnen – Dr. Nina Keil, Spezialistin für tiergerechte Haltung, und Katrina Rosenberger, Doktorandin, die beide bei Agroscope forschen.

Ziege Screenshot Agroscope
Screenshot: Versuchs-Film Agroscope

Die Resultate ihrer Arbeit sind jetzt in der Zeitschrift Scientific Reports erschienen.

Die Forschenden konnten beobachten, dass sich sowohl die Milch- als auch die Zwergziegen bereitwillig am Experiment beteiligten und motiviert waren, mit dem Maul eine Schiebetüre zu öffnen, um eine Belohnung zu erhalten. Von den 57 beobachteten Ziegen haben sich 53 mindestens ein von zehn Mal dafür entschieden, die Belohnung hinter der geschlossenen Tür zu fressen, obwohl die Belohnung auch gleichzeitig frei verfügbar war.

Ziegen sind motiviert, für ihr Futter zu arbeiten

Das Verhalten der beiden Zuchtlinien war im Verlauf des Experiments aber unterschiedlich: Bei den Milchziegen blieb das Interesse an der geschlossenen Tür immer gleich. Insgesamt gingen sie zudem jeweils schneller auf die geschlossene Tür zu als auf die offene, was als Hinweis auf gesteigerte Motivation gewertet werden kann.

Die Zwergziegen dagegen wählten erst zögerlich, dann zunehmend häufiger die geschlossene Tür. Das zeigt, dass beide Zuchtlinien anscheinend gern Probleme lösen, die Zwergziegen eventuell aber mehr Zeit brauchen, sich dieser Aufgabe zu stellen.

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„Mit dem Interesse der Zwergziegen hatten wir gerechnet, da es bereits bei einem ähnlichen Experiment beobachtet worden war“, erklärte Katrina Rosenberger. Sie bezieht sich auf eine Untersuchung am Institut für Nutztierbiologie in Dummersdorf, dem deutschen Forschungspartner im Projekt. „Überrascht waren wir hingegen von den Milchziegen: Wir hatten erwartet, dass die für hohe Milchleistung gezüchteten Nutztiere ihre Energie sparen und weniger motiviert sein würden, sich für eine Belohnung anzustrengen. Vor allem, wenn dieselbe Belohnung auch ohne Anstrengung zur Verfügung steht.“

„In vorangegangenen Studien am FBN konnten wir anhand eines Lernautomaten bereits zeigen, dass Zwergziegen für eine Ressource arbeiten wollen. Die jetzige Studie liefert nun Hinweise darauf, dass dieses Phänomen auch in einem Futterkontext besteht und Milchziegen – welche ja primär als Nutztiere gehalten werden – ebenfalls motiviert sind, für ihr Futter zu arbeiten, anstatt dieses ohne Aufwand zu erhalten“, betonte auch Jan Langbein.

Kontrolle über die Umwelt befriedigt

Die Resultate basieren auf dem Prinzip des sogenannten contrafreeloading. „Dieser Begriff beschreibt das Verhalten von Tieren, sich lieber anzustrengen, um eine begehrte Ressource zu finden, als sie vorgesetzt zu bekommen“, erklärte Nina Keil.

Bekannt ist dieses Phänomen sowohl bei domestizierten Tieren – Kühen, Schweinen, Ziegen und Hühnern – als auch bei wilden Tieren, die zum Beispiel in einem Zoo gehalten werden. Unbekannt ist, ob es auch bei wilden Tieren in freier Natur zu beobachten wäre. „Wir nehmen an“, führte Nina Keil weiter aus, „dass die Tiere diese Verhaltensweise an den Tag legen, weil das Lösen einer Aufgabe und die damit verbundene Kontrolle über ihre Umwelt positive Gefühle auslösen. Sie ziehen daraus wohl eine Befriedigung, die die zusätzliche Anstrengung aufwiegt.“

Nina Keil zieht aus den Studienergebnissen den Schluss: „Eine tiergerechte Haltung sollte auch die kognitiven Bedürfnisse von Tieren berücksichtigen. Unsere Resultate sind ein erster Schritt. Wir müssen das Experiment jetzt unter realen Bedingungen auf einem Bauernhof und über längere Zeit wiederholen, um zu sehen, wie sich die Motivation der Tiere entwickelt.“ Wenn sich dabei zeige, dass solche Maßnahmen in der Haltung umgesetzt werden sollten, müsse sichergestellt werden, dass sie einfach in den Arbeitsalltag integriert werden können.

red

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