Technologie wird zum Hype im heißen Sommer

Technologie wird zum Hype im heißen Sommer
wiwo.de: Städte, Gastronomen und Hausbesitzer rüsten auf gegen Extremhitze. Sprühnebelsysteme hüllen glühende Plätze und Terrassen in kühle Wasserschwaden.
MehrMehr als 39 Grad zeigten die Thermometer Anfang Juli vielerorts in Deutschland an. Wer draußen war – insbesondere in den Städten – hatte vielerorts außerhalb von Parks und Schwimmbädern keine Chance, der Hitze zu entkommen.
Anders etwa im niedersächsischen Hameln, im nordrhein-westfälischen Herzogenrath nahe der holländischen Grenze oder im badischen Lörrach: Hier wurden – mal als Edelstahl-Stelen, mal integriert in hölzerne Lauben mit Sitzbank – in diesem Sommer Sprühnebel-Anlagen installiert, die die Umgebung mittels Hochdruckdüsen in einen Schleier feinster Wasserpartikel hüllen.
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Bei Temperaturen von 40 Grad und mehr senkt das zerstäubte Nass die Temperatur um bis zu zehn Grad. Schwitzende Bürger und Besucher erholten sich in den urbanen Oasen von der glühenden Umgebung.
Die drei Kommunen sind mit diesem Angebot noch Ausnahmen – und Trendsetter zugleich. Denn Deutschlands Kommunen rüsten langsam auf gegen die lokalen Folgen der Erderwärmung. Auch wenn die mediale Aufmerksamkeit für das Thema nach jeder Hitzewelle so schnell sinkt wie die Temperaturen: Verantwortliche in den Stadtverwaltungen und Stadträten wollen nicht blank dastehen, wenn die nächsten Rekordgrade kommen. Experten verschiedenster Gewerke mahnen dringend und langfristig Handlungsbedarf an.
3.000 Hitzetote pro Jahr
Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass 2023 und 2024 jeweils rund 3.000 Menschen in Deutschland durch gesundheitliche Auswirkungen der Hitze verstorben sind. Insbesondere in älteren Altersgruppen besteht laut RKI „ein systematischer Zusammenhang zwischen hohen Außentemperaturen und erhöhten Sterberaten“. Die Gründe für die „hitzebedingte Mortalität“ reichten vom Hitzeschlag „bis zu komplexeren Konstellationen, etwa bei Menschen mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-, Lungen- oder Demenzerkrankungen“.
Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, erwartet in den Kliniken „wieder steigende Fallzahlen, da die Hitzetage tendenziell zunehmen werden“. TV-Meterologe Sven Plöger rückt ins Bewusstsein, dass nicht Hochwasser, Gewitter und Sturm, sondern „Hitze das tödlichste Unwetter ist, das wir kennen“. Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) fordert entsprechend: „Wir müssen unsere Städte angesichts des Klimawandels fit für die Zukunft machen.“
„Die Städte sind beim Hitzeschutz längst aktiv“, sagt Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. „Wir geben den Bürgerinnen und Bürgern Hitzeschutztipps und veröffentlichen online Hitzekarten. Es gibt Apps, die Hitzeinseln anzeigen und Menschen rechtzeitig vor zu hohen Temperaturen warnen.“ Allein für Trinkbrunnen hätten die Kommunen in den vergangenen Jahren mindestens 30 Millionen Euro ausgegeben: „All diese Angebote – auch Sprühnebelanlagen – werden in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch deutlich ausgebaut werden.“
Wie Städte cool bleiben
Vielerorts bewegt sich was bei dem Thema. „Wir müssen endlich ins Handeln kommen“, forderte etwa die CDU-Politikerin Brigitte Neumann im Juni im Stadtrat von Osnabrück, der einem Maßnahmenbündel zum Schutz vor Hitze zustimmte. Beschlossen wurde es ohne Gegenstimme, unideologisch und parteiübergreifend. Eine Abgeordnete der Linken betonte in der Aussprache, nun komme von ihr ein ungewohnter Satz: „Vielen Dank an die CDU für diesen Antrag.“
Die Faktoren seines Konzepts muss Osnabrück nicht neu erfinden. Vieles davon findet sich etwa in einem Diskussionspapier des Deutschen Städtetages („Damit Hitze nicht krank macht: wie Städte cool bleiben“) und auf dessen Homepage .
Entsiegelung wärmereflektierender urbaner Flächen gehört in Osnabrück dazu. Mehr Grün soll gepflanzt, Trinkwasserbrunnen sollen aufgestellt werden. Und selbstverständlich sind Sprühnebel-Anlagen Teil des Anti-Hitzeplans. Sie sollen den Osnabrückern bei Temperaturexzessen durch Verdunstungskälte wie im Wald Linderung verschaffen.
Vorbild Wien mit 200 Sprühnebelanlagen
Europas Vorbild für in Hitzekonzepte integrierte Sprühnebel-Anlagen ist Wien. Hundert Nebelstelen hat der Versorger Wiener Wasser auf Hydranten installiert. Diese „Sommerspritzer“ aus Edelstahl sind drei Meter hoch und sorgen mit 34 feinen Düsen für Abkühlung der direkten Umgebung. 75 Trinkbrunnen namens „Brunnhilde“ bieten zudem neben Quellwasser ebenfalls eine Sprühnebel-Funktion ab 30 Grad Celsius. Die Inbetriebnahme erfolgt ferngesteuert über eine Solar-Remotesteuerung. „Coole Stelen“ und „Coole Schiffe“ mit Sprühnebelausstoß gibt es an weiteren 23 Standorten in ganz Wien – mit Trinkwasser, Sitzflächen und schattenspendenden Segeln… weiterlesen


