Digitalisierung lässt Pflegenden mehr Zeit zur Betreuung

Digitalisierung lässt Pflegenden mehr Zeit zur Betreuung

Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen stockt. Das bemängelt Gerd Meyer Philippi, der Geschäftsführender Gesellschafter der Compware Medical GmbH und des Jungunternehmens Tantum Sana im Gespräch mit globalmagazin. Er bietet mit seineUnternehmen jedoch eine Lösung vor allem für die vielen älteren Patienten mit einer Polymedikation an – zur entlastung des Pflegepersonals und zu besseren Schutz der betreuten Menschen.
Bedeutet Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht einen (zu) sehr auf Maschinen setzenden Ansatz in der Medizin: Wo bleibt da die menschliche Komponente?
Gerd Meyer Philippi: Es kommt darauf an, wie man Digitalisierung versteht und definiert. Apparatemedizin und der Einsatz von lebensrettenden Maschinen hat nichts mit Digitalisierung zu tun.
Sondern?
Richtig ist, dass menschliche Fürsorge und Wärme nicht zu ersetzen sind. Digitalisierung im Gesundheitswesen automatisiert bürokratische oder organisatorische Aufgaben. Dies sorgt dafür, dass erkennbar weniger Fehler entstehen und wichtige Informationen zeitnah zur Verfügung stehen. Bereits heute fehlen 200.000 ausgebildete Pflegekräfte, bald werden es 500.000 sein. Gerade die Digitalisierung ermöglicht es hier, dem zu pflegenden Menschen mehr Wärme und menschliche Zuneigung zu geben. Und zwar, indem der Pflegende von anderen administrativen Aufgaben befreit wird – in diesem Fall vom aufwendigen und fehleranfälligen Vorrichten der Medikamente in die Wochenbox. Gerade dadurch bleibt mehr Zeit für Zwischenmenschliches.
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Sie sagen, Apothekerinnen und Apotheker könnten künftig Medikationspläne erstellen: Müssen das nicht Mediziner machen?
Die Menschen in Deutschland werden immer älter – und damit gehen zunehmend auch Krankheiten und Gebrechen einher. Das bedeutet, dass insbesondere der ältere Mensch immer mehr unterschiedliche Fachärzte aufsucht, die zwar Fachleute auf ihrem Gebiet sind und natürlich auch Medikamente aus ihrem Fachgebiet kennen und verschreiben. Allerdings laufen diese Verschreibungen nirgendwo zentral zusammen. Hieraus ergeben sich zum Teil gravierende Risiken. So kann etwa keiner der verschreibenden Ärzte mögliche Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten überprüfen, da er ja nichts von den jeweils anderen weiß….
Und Apothekerinnen und Apotheker können das besser?
Sie haben eine pharmakologische und pharmazeutische Ausbildung. Aufgrund ihrer fachlichen Ausbildung sind sie in der Lage, einen Gesamtmedikationsplan zu erstellen, der alle möglichen Risiken minimiert.
Braucht es nicht vor jedem Folgerezept eine Konsultation der Medizin: Glauben Sie, das könne die Digitalisierung alleine regeln?
Heute gibt es in Deutschland rund 9 Millionen Menschen, die unter Polymedikation leiden. Das bedeutet, sie nehmen 5 und mehr Dauermedikamente ein – bei Senioren sind es im Schnitt sogar 11 Medikamente täglich. Bereits heute darf der Arzt dreimal ein Folgerezept ausstellen, ohne den Patienten gesehen zu haben. Die Digitalisierung kann hier sehr gut die administrativen und bürokratischen Abläufe übernehmen.
Wie kann das geschehen?
Das Rezept für das Dauermedikament kann direkt an die Apotheke weitergeleitet werden. Der Apotheker übernimmt dabei nicht nur das Erstellen des Gesamtmedikationsplans, sondern auch das gesamte Rezeptmanagement – was Patient und pflegenden Angehörigen sehr viel Zeit und Stress erspart.
Wie sieht es mit dem Datenschutz durch und bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens aus: (Wie) Ist er garantiert?
Datenschutz ist wichtig und notwendig. Er funktioniert beispielsweise im Bereich der Banken und des Electronic Banking einwandfrei seit vielen Jahren. Auch Bestellungen bei Amazon und weiteren Anbietern funktionieren seit vielen Jahren. Leider haben die Bedenkenträger aber ein so großes Gewicht bekommen, dass gerade im Gesundheitswesen kaum mehr etwas bewegt wird. Ursachen sind dabei auch die Interessenskonflikte der vielen beteiligten Akteursgruppen in der Selbstverwaltung, die Bürokratie, unnötig hohe Technologiekosten und vieles mehr. Die Abschätzung von Chancen und Risiken steht in keinem Verhältnis. Durch das Nichtvorhandensein der Digitalisierung sterben Menschen.
Wie GENAU kann Digitalisierung Mitarbeitende in der Pflege entlasten?
Aktuell haben 3,3 Millionen Senioren einen Pflegegrad und leben zuhause. In Seniorenwohnheimen leben circa 820.000 Senioren. Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik einen gravierenden Pflegenotstand, auch weil die Kosten explodieren. So hatten die Pflegekassen alleine im ersten Quartal 2022 eine Kostensteigerung von 25 Prozent zu verzeichnen. Die Übernahme administrativer und bürokratischer Aufgaben kann die Digitalisierung sehr gut leisten – und das auch erkennbar billiger und effizienter. Der kostbare Faktor Mensch kann sich dadurch auch wieder auf das notwendige menschliche Betreuen und Versorgen der zu pflegenden Senioren konzentrieren.
Ihr Konzept klingt auf den ersten Blick gut: Besteht aber nicht die Gefahr, dass der auf Digitalisierung setzende Ansatz ältere Patientinnen und Patienten überfordert – gerade, wenn diese dadurch selbstbestimmt zuhause gesunden sollen und wollen?

Zunehmend wollen und müssen ältere Menschen länger und selbstbestimmt zuhause leben. Die Bevölkerung wird insgesamt älter und die Medizin bietet immer mehr Möglichkeiten. Der Umgang mit einem Handy, die Bedienung des Fernsehers – all dies sind elektronische Dinge, die heute selbstverständlich auch von Senioren genutzt werden. Selbst der Umgang mit dem PC und Internet gehört für viele ältere Menschen längst mit dazu.
Natürlich muss Technik seniorengerecht sein, weil Deutschland eine stark alternde Gesellschaft hat. Das ist aber heute ohnehin schon oft der Fall. Insofern gehört die Zielgruppe Senioren auch zu den potenziellen Nutzern von digitalen Lösungen.
Studien aus dem Ausland belegen zudem, dass sich die Medikamenten-Einnahmetreue bei älteren Menschen von circa 50 auf bis zu 96 Prozent steigern lässt, wenn sie dabei durch einen elektronischen Medikamentenspender mit akustischer Erinnerung unterstützt werden.
pit



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