„Liebe Erde“

„Liebe Erde“
Foto: Gerd Altmann / Pixabay CC0

Liebe Erde – 33 Briefe um unsere Welt zu schützen

Was haben Sven Plöger, Renate Künast, Dr. Eckart von Hirschhausen, und Ehepaar Quaschning gemeinsam? Sie teilen – so wie wir alle – ein Zuhause, unsere Erde. Und sie alle haben Momente erlebt, die sie überzeugt haben, sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen einzusetzen. In diesem, von Molina Gosch herausgegebenem Buch, erzählen sie in witzigen, berührenden, verzweifelten, wütenden und liebevollen Briefen, welches Erlebnis sie persönlich dazu bewogen hat, aktiv zu werden, warum der Einsatz sich lohnt und wie sich ihr Leben dadurch veränderte.

Gosch Liebe Erde 2

Molina Gosch, Klimaschützerin und Mitarbeiterin von Renate Künast, organisierte ab September 2018 mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten die monatlichen Klimademos „Klimawache Berlin“. Ziel der Demos war es , den Klimaschutz auf die Straße zu bringen, Wissen auszutauschen und ein Netzwerk aufzubauen. Die Initialzündung für dieses Buch war ein Gespräch 2019 mit Luisa Neubauer, die damals Fridays-for-Future ins Leben rief. Es folgten viele weitere Gespräche mit den Rednerinnen und Rednern der Klimawache.

„Ich bemerkte, dass die wenigsten Menschen wissenschaftliche Daten aufzählen, wenn sie nach Gründen für ihren Einsatz im Klimaschutz gefragt wurden. Sich über den Gesundheitszustand unseres Planeten und die Klimakrise zu informieren, ist in der Regel der zweite Schritt. Zuvor kommt meist eine persönliche Erkenntnis, die eine Veränderung im Denken und Wahrnehmen auslöst“, schreibt Molina Gosch im Vorwort. […] „Ihre Briefe zeigen, wie unterschiedlich das Engagement für den Erhalt unserer Lebensbedingungen aussehen kann. Doch eins haben alle 33 Briefe gemeinsam: Sie sind Teil der Lösung, die uns ein Überleben auf diesem Planeten sichern kann. Lassen wir uns überraschen!

Ein Brief an die Erde:

Liebe Erde,
ich muss mich entschuldigen. Bei Dir! Und zwar aus tiefstem Herzen! Dafür, dass Du Homo sapiens hast. Das sind eigentlich wir Menschen in Wissenschaftlersprache, es klingt aber irgendwie eher nach einer Krankheit. Jetzt muss ich schmunzeln über diese selbsterkannte Wahrheit, auch wenn es so lustig eigentlich nicht ist. Und wenn mancher nun möglicherweise witzeln wird, dass das ja vorübergeht, so ist meine Entschuldigung auch mit großer Sorge verbunden.

Wir Menschen nutzen die vielen Ressourcen, die Du bietest, als gäbe es kein Morgen oder als hättest Du irgendwo einen Zwilling, auf den wir im schlimmsten Fall einfach umsiedeln könnten. In unserem sich immer schneller drehenden Hamsterrad des Höher-Schneller-Weiter-Mehr, dessen Sinn kaum jemand von uns je hinterfragt, verlieren wir mehr und mehr den Respekt. Vor Dir, aber auch vor den vielen Menschen, die durch unsere seltsame Form der Verteilung dessen, was wir Wohlstand nennen, unter immer ärmlicheren Verhältnissen leben müssen. Von Flora und Fauna ganz zu schweigen.

Wir drängen andere Lebewesen rücksichtslos zurück und erschrecken erst dann, wenn wir bemerken, dass sie plötzlich fehlen. Seien es die Bienen oder andere Insekten, die wir im Alltag im Wesentlichen ignorieren und die uns allenfalls nerven, wenn sie im Sommer die Scheiben unserer über die Autobahnen rasenden Fahrzeuge verschmieren. Warum fliegen die nicht einfach woanders lang? Aber das Problem schmutziger Autoscheiben verschwindet ja mit dem Artensterben nun gleich mit. Wer gar keine Antennen für die Umwelt hat, freut sich darüber, aber viele von uns merken so langsam, dass da – und an vielen anderen Stellen – etwas einfach nicht mehr stimmt. Apropos Rasen auf Autobahnen: Das ist ein echter deutscher Sonderweg und der ist wirklich be.scheuer.t. Ich verspreche Dir, liebe Erde, dass ich mich weiter dafür einsetzen werde, dass wir „nur noch“ 130 Kilometer pro Stunde fahren dürfen. Wer 250 km/h will, kann Bahn fahren. Die machen das!

Aber manchmal fehlt nicht nur etwas, wie unsere wichtigen Blütenbestäuber, die eine so wesentliche Aufgabe für unsere Nahrungskette erfüllen, sondern es kommt auch etwas neu dazu. Das Coronavirus zum Beispiel. Das gab es früher nicht, und ich finde es eigentlich überflüssig, denn das Leben ohne Pandemie war besser als mit! Mit dieser Meinung stehe ich übrigens nicht alleine, auch wenn manche behaupten, es gäbe gar keine Pandemie. Von welchem Virus diese Damen und Herren befallen sind, würde mich übrigens brennend interessieren. Dir, liebe Erde, könnte genau das helfen: Gelangen wir nämlich zur Durchseuchung mit diesem Wahnsinnsvirus, dann könnten wir durch vollkommen widersinniges Verhalten dazu beitragen, Dich schneller als gedacht von uns zu befreien. Aber ganz ehrlich fände ich es schon cool, wenn wir einen anderen weg fänden. Einen, bei dem Du und wir uns irgendwie arrangieren könnten. Ich habe verstanden, dass Du einfach da bist und wir die Aufgabe haben, unser Miteinander zu gestalten. Sinnvoll und fair.

Mein bescheidener Gestaltungsbeitrag soll darin bestehen, anderen Menschen zu erklären, warum es vernünftig ist, nicht an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Meine Erfolgschancen hängen davon ab, ob es mir gelingt, die richtigen Worte zu finden: Ich muss es schaffen, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu missionieren, sondern an den Verstand zu appellieren und schwierige Themen – wie die Zusammenhänge beim komplexen Thema Klimawandel – so zu übersetzen, dass das auch jemand kapiert, der sich nicht den ganzen Tag mit der Lösung nichtlinearer Differentialgleichungssysteme beschäftigt. Bevor ich Dir nun aber meine Begeisterung über Physik, Mathematik, Meteorologie und besonders Wolkenformen wie Cumulonimbus capillarus incus in epischer Länge aufdränge, möchte ich mit einer Erkenntnis schließen: Die Ästhetik dieser Wolken und überhaupt der gesamten Natur, die Du uns bietest, ist so unendlich beeindruckend, dass wir zumindest theoretisch befähigt wären, den Respekt vor Dir zurückzugewinnen! Zum Beispiel durch Entschleunigung unseres raffgierigen Lebens und das schlichte Betrachten der Schönheit unseres Planeten. Ich freue mich jedenfalls, dass Du mich trotz allem beherbergst, und möchte Dir dafür sehr danken!

So, und jetzt mache ich mir mal einen Kaffee – habe mir Fair-Trade-Bohnen aus Burundi gekauft. Sind nicht billig, aber das Gebräu ist super! Also, danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, diese Zeilen von einem Siebenkommaachtmilliardstel der Menschheit zu lesen – und ich drücke uns die Daumen!

Dein Sven Plöger (diplomierter Wetterfrosch)

cover zieht euch warm an sven ploeger

Sven Plöger moderiert Wettersendungen in der ARD und wurde als bester Wettermoderator Deutschlands ausgezeichnet. Er hält Vorträge über Wetter und Klima. Zuletzt schrieb er den Bestseller „Zieht euch warm an, es wird heiß“ und entwickelte gemeinsam mit dem SWR „Sven Plögers Klimablick„. www.meteo-ploeger.de

Die Herausgeberin Molina Gosch war bei Fossil Free Berlin aktiv und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Energie von Bündnis 90 / Die Grünen. 2019 war sie National Coordinator Germany in der Klima-NGO The Climate Realty Project, die 2006 vom Nobelpreisträger und ehemaligen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Al Gore, gegründet wurde.

„Die Natur ist die Quelle unseres Lebens auf der Erde. Du ermöglichst es uns, Nahrung anzubauen, Luft zu atmen, Wasser zu trinken, Fische zu fangen, Früchte und Gemüse zu ernten, Holz und Bodenschätze für unseren Bedarf zu nutzen und auf dir zu leben. Was für ein unvorstellbares Glück das ist!“ Aus ihrem Brief an die Erde.

Gosch Liebe Erde 2

Molina Gosch
Liebe Erde
33 Briefe um unsere Welt zu schützen
Atlantik Verlag
237 Seiten
ISBN: 9783455011494
20,00 Euro

hjo

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