Mayaro-Virus: Spurensucher

Mayaro-Virus: Spurensucher
Gelbfiebermücke Foto: PHIL gemeinfrei

Mayaro-Virus: Spurensucher

Im Amazonas-Regenwald suchen Wissenschaftler nach weiteren Krankheitserregern, die vom Tier auf den Menschen überspringen könnten

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Seit Ende vergangenen Jahres breitet sich weltweit in Windeseile die Omikron-Variante von Covid-19 aus. Auch in Brasilien, wo die Infektionen seit der Jahreswende wieder steigen. Doch brasilianische Forscher warnten schon im vergangenen Jahr vor einem weiteren, von Tieren auf den Menschen übertragenen Virus, dem Mayaro-Virus. Es sei keine Frage ob, sondern wann eine weitere Epidemie ausbricht.

Gerade der Amazonas-Regenwald mit seinem Artenreichtum gilt bei Virologen als ein gigantisches Reservoir von Erregern, die Zoonosen ähnlich wie Covid-19 auslösen könnten. Abholzung, das Vordringen von Straßen und Siedlungen, Bergbau und illegale Goldgräberei, das Vordringen der Landwirtschaft und der Bau von Staudämmen bringen immer mehr Menschen mit diesen nicht nur in Fledermäusen, sondern auch in Vögeln, Affen und anderen Wirbeltieren des Regenwaldes zirkulierenden potenziellen Krankheitserregern in Kontakt.

Aussichtsreicher Kandidat für die nächste folgenschwere Epidemie in Brasilien und darüber hinaus sei das noch wenig untersuchte Mayaro-Virus, warnte der Epidemiologe Felipe Gomes Naveca bereits im vergangenen Jahr. Der Stellvertretende Forschungsdirektor des Instituts Fiocruz Amazônia in Manaus ist mit seinem Team in Amazonien auf der Spur potenzieller Pandemieauslöser.

Das zu den Alphaviren zählende Mayaro-Virus zirkuliert in der Natur vornehmlich in baumbewohnenden Wirbeltieren wie Affen und wird bislang in erster Linie durch die in den Regenwäldern Mittelamerikas, Amazoniens und der Karibik vorkommende Hämagogus-Stechmücke (Haemagogus janthinomys) übertragen. Auch andere Tierarten wie Nagetiere, Beuteltiere, Vögel und selbst Alligatoren könnten Virusträger sein.

Seit 1954 weiß man, dass dieses Alphavirus den Menschen befallen und das sogenannte Mayaro-Fieber auslösen kann. Wissenschaftler hatten den Erreger im Blut von infizierten Waldarbeitern in der Mayaro-Provinz der Karibikinsel Trinidad entdeckt und nach ihr benannt. Die Erkrankten leiden an grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Hautausschlag, Erbrechen, Durchfall, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, welche über mehrere Wochen, in manchen Fällen auch über Monate anhalten können. Wie das verwandte Chikungunya-Virus kann Mayaro zudem Rheumaerkrankungen verursachen.

In Brasilien wurde 1955 der erste Ausbruch des Mayaro-Fiebers im Bundesstaat Pará (südöstliches Amazonasgebiet) gemeldet. Seitdem gab es registrierte Mayaro-Infektionen ebenso in Französisch-Guayana, Bolivien, Peru, Surinam, Argentinien, Kolumbien, Venezuela, Tobago und in Haiti. In der Amazonashauptstadt Manaus erkrankten zuletzt 2011 mehr als 30 Personen am Mayaro-Virus. Neuere Studien deuten darauf hin, dass sich dieses Alphavirus auch in Regionen außerhalb Amazoniens verbreitet. Auch in den Südostbundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo gab es bereits Erkrankte mit Mayaro im Blut.

Bis 2019 wurden in Lateinamerika und der Karibik insgesamt 901 Mayaro-Erkrankungen beim Menschen gemeldet, wie Wissenschaftler der George Washington University und der Pan American Health Organization berichten. Todesfälle sind bislang nicht bekannt. Da das Mayaro-Fieber klinisch aber nicht von Dengue- oder Chikungunya-Erkrankungen zu unterscheiden ist, gehen die Forscher von einer unbekannten Zahl falsch diagnostizierter und nicht gemeldeter Fälle aus.

Das Mayaro-Virus gilt als besonders gefährlich, weil es zum einen eine hohe Mutationsrate und eine bemerkenswerte genetische Flexibilität aufweist. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Anpassung an neue Wirte. Zum anderen zeigten Laborexperimente, dass auch andere Stechmückenarten, insbesondere die urbane Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) und die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) das Alphavirus aus Amazonien übertragen können. Sollte es dazu tatsächlich kommen, wäre dies ein epidemischer Supergau. Denn das Virus könnte so von seinem Zyklus im Regenwald auf die Städte selbst außerhalb seines bisherigen Verbreitungsgebiets überspringen.

Die wahrscheinlich bereits im 16. und 17. Jahrhundert mit dem Sklavenhandel eingeschleppte Gelbfiebermücke kommt heute in allen Städten Brasiliens vor und führte bereits zu mehreren Epidemien von Dengue, Zika und Chikungunya in den Millionenmetropolen des Landes. Die aus Asien stammende und seit den 1980er Jahren in Brasilien zirkulierende Tigermücke kann gleichfalls diese gefährlichen Krankheitserreger übertragen, bevorzugt aber ländliche Räume, Vorstädte mit mehr Baumbedeckung und Stadtparks. Sollten Aedes aegypti und Aedes albopictus tatsächlich zu Überträgern des Mayaro-Virus werden, wären damit Millionen von Menschen nicht nur in Brasilien bedroht.

Die auch Ägyptische Tigermücke genannte Aedes aegypti ist heute weltweit in den Subtropen und Tropen verbreitet und hat ebenso bereits Südspanien, Griechenland und die Türkei erreicht. Die ursprünglich auf Süd- und Südostasien beschränkte Asiatische Tigermücke gibt es heute weit verbreitet in Afrika, den USA sowie in Südeuropa.

Bis heute gibt es weder einen vorbeugenden Impfstoff noch ein Medikament oder eine Therapie gegen das Mayaro-Virus. Die Vermeidung von Mückenstichen ist weiterhin die einzige Vorbeugung. Der Schutz der brasilianischen Biome und insbesondere ein Stop der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes sei letztlich eine der wichtigsten Maßnahmen um neuen Pandemien vorzubeugen, bekräftigt die Fiocruz-Wissenschaftlerin Alessandra Dales Nava vom Labor für die Ökologie übertragbarer Krankheiten in Amazonien.

Eine zumindest für Menschen, die bereits Chikungunya überstanden haben, »gute« Nachricht kommt von einer vergangenen November veröffentlichten Studie an Labormäusen. Die mit Chikungunya infizierten Nagetiere entwickelten eine Teilimmunität gegenüber dem Mayaro-Virus. Doch wer will schon an Chikungunya erkranken, um gegen das Mayaro-Fieber immun zu sein?

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „nd-aktuell“ vom 14.01.22

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