Moorpapst Michael Succow wird 85 Jahre alt

Moorpapst Michael Succow wird 85 Jahre alt
spektrum.de: In der Wendezeit gelang es Michael Succow mit Geduld, Raffinesse und der Hilfe einiger Gleichgesinnter, in letzter Minute große Flächen in der DDR unter Naturschutz zu stellen. Am 21. April 2026 wird der Politiker, Wissenschaftler und Naturschützer 85 Jahre alt. »Spektrum.de« sprach mit ihm über seinen einmaligen Erfolg, den Naturschutz heute und was ihn immer noch antreibt.
War es ein einmaliger Glücksfall, dass zur Wende in der DDR 1989/90 so große Flächen für den Naturschutz in Ostdeutschland sichergestellt werden konnten?
Ja, aber nicht nur für Deutschland, sondern auch in Europa und vielleicht sogar für die gesamte Welt stellt dies einen Sonderfall dar. Ein System ging unter, und wir konnten große Gebiete für die Natur sichern. Das wäre heute nach meiner Überzeugung nicht mehr so möglich.
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Was führte zu diesem Glücksfall?
Die untergehende DDR war 1989 moralisch, ökonomisch und auch ökologisch am Ende. Abseits des schweren Missbrauchs des Naturkapitals im Sozialismus hatten die Privilegien hochrangiger Staatsfunktionäre und die überbordende militärische Sicherung dieses DDR-Gebildes aber dafür gesorgt, dass große Naturräume relativ frei von menschlichen Eingriffen blieben – etwa die Staatsjagden oder Truppenübungsplätze der Nationalen Volksarmee und der Sowjetischen Streitkräfte sowie die unmittelbaren Grenzregionen. Die Staatsjagdgebiete wurden in die schönsten Landschaften, teilweise Naturschutzgebiete, gelegt, etwa an das Ostufer der Müritz mit Seen, Mooren und Wäldern, in dem Willi Stoph (Anm. d. Red.: bis Herbst 1989 Vorsitzender des Ministerrats der DDR) auf die Pirsch ging. Erich Honecker und der Stasichef Erich Mielke jagten vor den Toren Berlins im heutigen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Und so weiter! All diese Jagd- und Truppenübungsgebiete waren für die Außenwelt gesperrt und konnten ungestört ihre Lebensfülle erhalten, frei von Mineraldünger und Pestiziden.
»Die untergehende DDR war 1989 moralisch, ökonomisch und auch ökologisch am Ende«

Aber es brauchte doch auch aktive Menschen, die diesen Wert erkannten?
In der DDR existierte eine Umweltbewegung, darunter die Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund, in der sich naturliebende Menschen wie ich versammelten und im Rahmen des Möglichen für Naturschutz einsetzten. Das waren Ornithologen, Fischkundige, Entomologen, Moorexperten und so weiter. Man darf sich das nicht als Opposition im westlichen Sinne vorstellen, denn wir waren zwar geduldet und besaßen gewisse Freiräume, wurden aber natürlich staatlich kontrolliert. Allerdings gab es durchaus unter den Funktionären Leute, die mit uns gingen – und das haben wir für den Naturschutz ausgenutzt. Erst in kleinem Rahmen und in der Wende dann in richtig großem Maßstab.
Dieser große Maßstab waren die Sperrgebiete, die Sie als Nationalparke und Biosphärenreservate ins Auge fassten. Wie kamen Sie in diese entscheidende Position, in der Sie politisch handeln konnten?
Das war kein gerader Weg. Tatsächlich wollte man mich am Ende meiner Tätigkeit beim sogenannten Meliorationskombinat für die SED gewinnen. Ich sollte in die Partei eintreten und vielleicht sogar eine Kombinatsleitung übernehmen. Doch zum Glück zog mich ein vertrauter Genosse beiseite und warnte: Würde ich diese Ehre ablehnen, wäre ich quasi verbrannt. Nähme ich aber an, ginge ich mit meinen freiheitlichen Gedanken unter. Deshalb solle ich mich lieber einer Blockpartei anschließen und das Eintrittsdatum ein halbes Jahr vordatieren lassen. Der SED sollte ich dann sagen, dass sie leider zu spät kam.
»Ich wurde politisch tätig, ohne mich zu verkaufen«
Was Sie dann auch taten …
Ich bin zur LDPD(Anm. d. Red.: Liberal-Demokratische Partei Deutschlands), die für mein Anliegen sofort Verständnis hatte und mich aufnahm – mit eine
Mit der Wende überschlugen sich die Ereignisse. Wie ging es weiter?
Während der Übergangszeit forderte die Bürgerbewegung ein eigenes Naturschutzministerium – ein Thema, das bis dahin völlig untergeordnet in der Abteilung Forstwirtschaft des Agrarministeriums angesiedelt war; die Veröffentlichung von Daten über den Umweltzustand hatte man verboten. Und auch die Bevölkerung begann, mehr Umweltschutz zu fordern, worauf unter anderem mit der ersten freien Umweltsendung im DDR-Fernsehen reagiert wurde – wenige Tage nach dem Fall der Mauer im November 1989. Erstmals kam darin mit dem Botaniker und Ökologen Herbert Sukopp ein westdeutscher Wissenschaftler zu Wort, dessen Frau den Beitrag wiederum aufzeichnete und am nächsten Tag an den damaligen westdeutschen Umweltminister Klaus Töpfer schickte.
Und damit kam die Sache ins Rollen?
Anfang Dezember 1989 bat uns Klaus Töpfer nach Bonn, wo ein paar aufrechte Umweltschützer aus dem Osten plötzlich neben den Größen der Umweltverbände und Umweltpolitik aus dem Westen saßen. Das schlug solche Wellen, dass ich ein paar Tage später erneut vom DDR-Umweltminister Hans Reichelt, in dessen Amt vor allem Wasserwirtschaft und technischer Umweltschutz, aber kein Naturschutz angesiedelt war, eine Einladung bekam: Die Regierung von Hans Modrow (Anm. d. Red.: der letzte Vorsitzende des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik) habe beschlossen, dass es kein eigenes Naturschutzministerium geben könne. Der Staat sei pleite! … weiterlesen


