Nachruf auf den intellektuellen Stichwortgeber

Nachruf auf den intellektuellen Stichwortgeber
taz.de: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Historikerstreit: Jürgen Habermas mischte sich immer wieder kritisch ein. Nun ist der Philosoph gestorben.
Als Jürgen Habermas zwanzig Jahre nach 1968 gefragt wurde, was von der Studentenbewegung geblieben sei, sagte er: Frau Süssmuth. Wenn heute gefragt wird, welcher Intellektuelle aus der alten Bundesrepublik heute noch zählt, würden die meisten sagen: Herr Habermas.
Jürgen Habermas wurde 1929 geboren und wuchs in Gummersbach in einer bürgerlichen Familie auf, die sich dem nationalsozialistischen Zeitgeist angepasst hatte. Die Jahre 1945/46 erlebte der Hitlerjunge und Flakhelfer geschockt von den Bildern aus den Konzentrationslagern als Befreiung von Krieg, Diktatur und Provinzialismus.
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Eine neue Welt stand nun offen, und das Kind der Reeducation stürzte sich in die moderne Kunst, die Wissenschaft und die Philosophie, die allerdings noch durchaus mit der alten verbunden war. Er wurde 1954 im philosophischen Seminar von Erich Rothacker promoviert – sein Doktorvater war ebenfalls für den Nationalsozialismus eingetreten, und zwar schon vor 1933.
Ein Jahr zuvor hatte der Doktorand mit einem mutigen Artikel erstmals öffentlich auf sich aufmerksam gemacht, als Martin Heidegger seine Vorlesungen über Metaphysik aus dem Jahr 1935 unverändert neu veröffentlicht hatte: „Die Vorlesung von 1935 demaskiert schonungslos die faschistische Färbung jener Zeit. Sie hat aber nicht etwa nur äußerliche Motive, sondern auch solche, die sich aus dem Zusammenhang der Sache ergeben.“
Habermas, der nach diesem antifaschistischen Credo Prügel einstecken musste, einschließlich vom Seinsphilosophen und Apologeten der Gewalt selbst, suchte in der „BRD Noir“ nach neuen Orientierungen.
Adorno lud ihn nach Frankfurt ein
Adorno, dessen kulturkritischen Prismen Habermas verschlungen hatte, lud den jungen Philosophen ein, am Institut für Sozialforschung Soziologie zu lernen. Nach Frankfurt wäre jener auch zu Fuß gegangen. In der Senckenberganlage und im Kettenhofweg gingen Menschen ein und aus, die eher in der literarischen Öffentlichkeit und der Kunst zuhause waren als an der Universität.
Dort wurde Habermas in die verschüttete Welt der vertriebenen jüdischen Linksintelligenz eingeführt, vor allem von Gretel Adorno, in deren Zimmer Benjamins Klee-Gemälde „Angelus Novus“ hing. Habermas trat „intellektuell in ein neues Universum ein“ und suchte von nun an den Kontakt zu den Meistern aus der verlorenen Zeit, fürchtete aber auch weiter die apokalyptischen Reiter „der faschistischen Intelligenz“, zu denen er – neben Heidegger – Carl Schmitt, Ernst Jünger und auch Arnold Gehlen zählte.
Irritiert zeigte sich Habermas allerdings von dem am IfS herrschenden, durchaus elitären Gruppengeist der Mitarbeiter unter der Autorität des „unsichtbaren Gottes“ Horkheimer, zudem von der Abwesenheit der Schulphilosophie und auch von den vielen Pflichten, die dem eigenen Forschen und Schreiben im Weg standen.
Reden, was sonst? war fortan seine Antwort auf die Frage: „Was tun?“
Als Horkheimer von Adorno forderte, den politisch viel zu weit links stehenden Assistenten zu entlassen, hatte dieser bereits selbst beschlossen, das Institut zu verlassen und mittels eines DFG-Stipendiums seine Habilitationsschrift abzuschließen. Sie hieß „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und brachte trotz kulturkritischem Einschlag die Zeit auf den Begriff.
Öffentlichkeit als Lebenselixier
Dass die Öffentlichkeit für die Demokratie das Lebenselixier ist, lernte man in den 1960ern. Zum antifaschistischen Credo suchte Habermas fortan die demokratietheoretische Fundierung: Wir müssen öffentlich miteinander diskutieren, streiten und aufpassen, dass dieser Raum nicht zerstört wird – weder durch wirtschaftliche Interessen und kapitalistische Sachzwänge noch durch staatliche Übergriffe oder dezisionistische Politiken. „Reden, was sonst?“ war fortan seine Antwort auf die Frage: „Was tun?“ … weiterlesen


