Pandemie aus Sicht einer Ökologin

Pandemie aus Sicht einer Ökologin
Foto: pressenza.com

Silvana Galassi: die Pandemie aus der Perspektive einer Ökologin

Frau Professorin Galassi, Sie sind Ökologin. In diesen Tagen scheinen sich alle Anstrengungen auf den Ausnahmezustand zu konzentrieren, also auf die Auswirkungen der Krise, wobei die Ursachen woanders liegen. Worum geht es von Ihrem ökologischen Standpunkt aus und was sollten wir so bald wie möglich angehen?

Die Ursache der Pandemie steht fest: Wir haben es mit einem außergewöhnlich aggressiven Virus zu tun, das sich, wie alle Viren, nur vermehrt, wenn es in Zellen des Wirts vordringt. Es hat Arten übersprungen und sich von Wildtieren, die normalerweise in Wäldern leben, auf den Menschen übertragen, dessen Zellen sich nicht stark von den tierischen unterscheiden. Säugetiere, zu denen auch wir Menschen zählen, können Schätzungen zufolge von rund 300.000 Viren infiziert werden. Die Lösung ist sicherlich nicht, alle anderen Säugetiere auszurotten, aber wir sollten die Wildtiere in den Wäldern leben lassen und uns damit zufrieden geben, uns von Zuchttieren zu ernähren.

Was wurde in der Vergangenheit in dieser Richtung unternommen und warum war das nicht ausreichend? Fehlt es am Bewusstsein?

Es wurde nicht genug getan, um die Wildtiermärkte zu verbieten, wo Fledermäuse, Zibetkatzen, lebendige oder frisch erlegte, blutige Schuppentiere verkauft werden, und es wird nicht genug getan, um die Ökosysteme, in denen sie leben, zu schützen. Wir tun so, als gäbe es all diese Systeme allein zu unserem Nutzen. Aber so ist es nicht: Viele Ökosysteme haben wichtige Funktionen, wie für den Klimaausgleich oder den Erhalt der Biodiversität. Werden diese Flächen in Agrarland umgewandelt oder dort Bodenschätze gewonnen, kann dies irreversible und größtenteils unvorhersehbare Schäden nach sich ziehen.

Gibt es zu wenige, die sich für den Erhalt einsetzen? Sind die „Gegenmächte“ zu stark?

Aktivist*innen haben oft die besten Absichten, aber sie sind eher wenige. Im Gegenzug hat Wirtschaftsmacht einziges klares Ziel: Profit aus jeder Situation zu ziehen.

„Lass dir das eine Lehre sein“, hörten wir als Kinder oft. Aber ist es wirklich so? Lernen wir eigentlich überhaupt etwas dazu?

Wir sind heute keine Kinder mehr und wir hätten seit einer ganzen Weile merken können, dass dieses Entwicklungsmodell nur Ungleichheiten verschärft und die Umwelt zerstört, wie es uns auch Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und sogar Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si’ bescheinigen. Leider bestraft auch diese „Lektion“ nur wieder die Schwachen und Benachteiligten, während Wirtschaft und Finanzwelt sogar noch Wege finden, daran zu verdienen.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass die Lektion nicht ausreichen würde, wäre morgen alles vorbei. Sollten wir uns gar wünschen, dass es nicht so schnell vorbei ist?

Ich wünsche mir wie alle, dass diese Ausnahmesituation endet, aber in der großen Freude darüber, dass es endlich weitergeht, könnte uns auch die Konsumwelle mitreißen, was sich dann sofort wieder negativ auf Ökosysteme und die sozialen Unterschiede auswirken würde. Ich glaube, dass zu wenige diese Zeit des Lockdowns zum Nachdenken genutzt haben. Die meisten hatten nur Angst, sie haben die Entwicklung der Pandemie passiv wahrgenommen und sind in Deckung gegangen.

Auf welcher Seite würden Sie stehen, wenn die Pandemie eine Reaktion der Natur wäre, die sich verteidigt?

Die Natur reagiert nicht wie wir, sie muss sich nicht gegen unsere Angriffe verteidigen. Die Erde hat sich mehrfach verändert, nach viel größeren Katastrophen als den vom Menschen verursachten. Die Welt ist nicht zerbrechlich, sie hält in ihrer Gesamtheit viel aus, aber der Lebensraum könnte für unsere Spezies sehr feindlich werden – und zwar nicht, weil die Natur das „entscheidet“, sondern aufgrund unserer eigenen Unfähigkeit.

Wir sind in die entferntesten Winkel des Planeten vorgedrungen, um Reichtum aufzustöbern. Heute laufen in einigen Ländern und Städten Gänse, Affen und Hirsche herum. Ist das so etwas wie Rache?

Ich habe auch Videos gesehen, in denen Elefanten Asphaltstraßen überqueren und Kängurus in den Städten herumhüpfen. Ich glaube nicht, dass sie unsere künstlichen Welten besetzen würden. Sie brauchen ihre natürliche Umgebung. Aber wenn wir auf immer verschwänden, würde sich die Natur sicher ihren Raum zurückerobern, wie in Angkor und anderen antiken Städten, die inzwischen wieder von Wald überwuchert sind.

Spielt auch die globale Bevölkerungsdichte eine Rolle?

In der Tat sind wir viele, aber noch nicht zu viele. Es gäbe Platz und Essen für alle, wenn die Reichsten weniger Fleisch essen, weniger Energie verbrauchen würden und wenn das soziale Ungleichgewicht geringer wäre. Mehr Genügsamkeit beim Essen würde auch unserer Gesundheit gut tun. Ein Verzicht auf den Konsumdruck würde der Erde gut tun. Dort könnten wir mit den Veränderungen anfangen, die sich eigentlich alle wünschen.

Autor: Andrea De Lotto / Pressenza  Übersetzung aus dem Italienischen: Heidi Meinzolt 

Der Originalartikel kann bei unserem Medienpartner angesehen werden

 

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