Streit um richtige Energiepolitik geht weiter

Streit um richtige Energiepolitik geht weiter
capital.de: Der Streit in der Energiebranche eskaliert, seit das Bundeswirtschaftsministerium Energieversorger um Argumentationshilfe für neue Gaskraftwerke bat. Der Batteriespeicher-Anbieter Christoph Ostermann fühlt sich benachteiligt und sagt, was sich ändern muss
Capital: Herr Ostermann, im Moment werden Gaskraftwerke oft als das Gegenmodell zu großen Batteriespeichern dargestellt, es ist von einer Gaslobby die Rede, die versucht, den Ausbau der Speicher zu bremsen. Werden wir am Ende nicht beides brauchen?
Christoph Ostermann: So würde ich es auch sehen. Ich halte es für einen Fehler, wenn jede Interessengruppe nur ihr eigenes Geschäftsmodell propagiert und als alleinige Wahrheit verkauft. Die Realität ist meist pluralistisch und bunt: Es gibt selten die eine Lösung, sondern eher ein Mosaik. Ich glaube, dass wir Gaskraftwerke brauchen – die Frage ist, wie viele – und dass Speicher gleichzeitig ein wichtiger Teil dieses Mosaiks sein werden.
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Es kursieren verschiedene Kapazitätszahlen für Gaskraftwerke. Haben Sie eine Größenordnung im Kopf, die Sie für sinnvoll halten?
Es ist aktuell von etwa zwölf Gigawatt bei Gas die Rede, zwischendurch waren es sogar 20. Ich könnte mir vorstellen, dass man mit acht Gigawatt auskommt. Aber man braucht diese Kapazitäten schon, weil der Speicher heute noch nicht an dem Punkt ist, an dem er für eine Woche, zehn Tage oder zwei Wochen Grundlast liefern kann. Dafür bräuchte man enorme Speicherkapazitäten.
Machen die steigenden Gaskosten die Kraftwerke zu einem Zuschussgeschäft?
Gaskraftwerke müssen hoch subventioniert werden. Die Stromgestehungskosten sind relativ hoch und steigen jedes Jahr. Branchenzahlen zeigen, dass die Kosten bei Gas im vergangenen Jahr um etwa 15 bis 16 Prozent gestiegen sind, während die Kosten für Batteriespeicher im selben Jahr um rund 25 Prozent gesunken sind. Das heißt, Speicher werden auf lange Sicht attraktiver, und darin ist noch nicht einmal eingepreist, dass Gaspreise aufgrund der Lage im Nahen Osten weiter steigen und sich auf einem höheren Niveau stabilisieren könnten.
Es gibt den Vorwurf, dass Batteriespeicher trotzdem vom Wirtschaftsministerium derzeit benachteiligt werden. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ja, diesen Eindruck habe ich und finde, er lässt sich inzwischen kaum noch leugnen. Es wirkt schon befremdlich, wenn der Regulator die Regulierten um Argumente bittet – aber nur eine bestimmte Interessengruppe, nämlich diejenigen, die mit Gaskraftwerken am meisten verdienen. Offenbar wurden sie sogar explizit gebeten, sich gegen Speicher zu positionieren. Zusammen mit weiteren Indizien ergibt das ein Bild, das nicht technologieoffen, diskriminierungsfrei und neutral wirkt.
Die Vorbehalte beim Hochlauf der Batteriespeicher kommen allerdings auch von neutralen Beobachtern. Kritiker bemängeln einen Wildwuchs. Netzbetreiber stöhnen über eine Flut von Anträgen, die sie kaum noch abarbeiten können. Ist das nicht ein reales Problem?
Das ist ein reales Problem, aber nicht untypisch für junge Märkte, die zunächst sehr attraktiv wirken. Es gibt einige professionelle Player mit Kapital und Know‑how – und viele, auf die das nicht zutrifft. Die Netzbetreiber sind frustriert, weil das Thema für sie selbst neu ist, sie es fachlich noch nicht vollständig durchdrungen haben und gleichzeitig hunderte Anträge auf dem Tisch liegen – zum Teil viele Anträge für denselben Netzanschlusspunkt.
Es galt das Prinzip, dass derjenige zuerst bedient wird, dessen Antrag eher eintrifft. Hat dies das Chaos befeuert?
Dieses Windhundprinzip war von Anfang an problematisch. Inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass klare Kriterien sinnvoller sind. Deswegen gibt es nun das Reifegradverfahren der Übertragungsnetzbetreiber, das auch bei den Verteilnetzbetreibern auf Interesse stößt… weiterlesen


