Windräder für die Hauptstadt

Windräder für die Hauptstadt
Foto: Steppinstars/PixabayCC/PublicDomain

Windräder für die Hauptstadt

n-tv.de: Großstadt-Windkraft – Im Mai macht die Berliner Umweltsenatorin einen überraschenden Vorschlag: Bettina Jarasch kündigt an, dass der Senat Windräder in der Hauptstadt bauen möchte – notfalls auch in der Natur. „Ich gehe nicht gerne an Landschaftsschutzgebiete ran, aber wir werden es nicht ausschließen können, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen“, sagte sie nach einer Senatssitzung. „Das ist alles andere als eine PR-Aktion“, sagt Jürgen Quentin von der Fachagentur Windenergie an Land im „Klima-Labor“ von ntv. Eine neue Studie gibt ihm recht: „Auch für Stadtstaaten gilt: Potenziale sind vorhanden“, hat der Bundesverband Windenergie berechnet. Wo befinden sich diese Potenziale? Naturschützer kann Jürgen Quentin vorsichtig beruhigen. Der Windkraft-Experte denkt als Standort vor allem an den früheren Flughafen Tegel.

ntv.de: Der Berliner Senat will Windräder in Berlin bauen, wenn es sein muss, auch in Wäldern und Naturschutzgebieten. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von diesem Plan gehört haben?

Jürgen Quentin: Es geht ja darum, dass wir seit dem Frühjahr vor einer ganz besonderen Herausforderung stehen. Wir müssen erneuerbare Technologien nicht nur für den Klimaschutz massiv ausbauen, sondern auch für unsere Energieunabhängigkeit. Wir stehen vor großen Problemen bei der Gasversorgung. Keiner weiß, was der nächste Winter bringt. Jede Kilowattstunde zusätzlicher Strom, die wir generieren, ist ein Beitrag für mehr Energieunabhängigkeit. Dazu zählt auch, Flächen in Berlin mit Windenergie und anderen Technologien auszustatten, wenn sie sich dafür anbieten.

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Auch wenn diese Flächen Wälder und Naturschutzgebiete sind?

Da muss man unterscheiden: Naturschutzgebiete sind eine No-go-Area, in die kommt man weder mit Windrädern noch mit Solaranlagen rein. Was diskutiert wird, sind Landschaftsschutzgebiete, bei denen die Landschaft das schützenswerte Gut ist, die der Windenergie aber nicht von vornherein versperrt sind. Wenn man in diese Gebiete gehen will, braucht es also den politischen Willen dafür. Bei Wäldern ist es außerhalb Berlins schon so, dass etwa 2300 Windenergieanlagen in Wäldern stehen. Das ist meist im Südwesten der Fall, wo 40 Prozent und mehr der Landesfläche bewaldet sind. Das sind aber keine besonders artenreichen und schützenswerten Waldgebiete. Es handelt sich um Waldflächen, die intensiv forstwirtschaftlich genutzt werden und typischerweise eine Monokultur von Nadelholz-Beständen aufweisen: Kiefernwälder in Brandenburg, Fichtenwälder in anderen Teilen Deutschlands.

Das heißt, Sie finden die Berliner Idee grundsätzlich gut, obwohl sich Windräder in anderen Ländern eher anbieten würden als einer Großstadt?

Wir haben in Berlin eine hohe Besiedelungsdichte. Entsprechend sind die Flächen, die überhaupt für Windkraftanlagen in den Blick genommen werden können, sehr begrenzt. Die sind entweder industriell vorgeprägt, zum Beispiel Gewerbegebiete oder Häfen. Oder es sind Gebiete, die aus anderen Gründen nicht besiedelt sind, zum Beispiel im Berliner Randbereich. Dort befinden sich eben große Waldflächen. Dann muss man schauen, um welche Art von Forst es sich handelt. Falls Artenschutz, Zusammensetzung, Nutz- und Schutzfunktion kein Problem darstellen, ist Windenergie auf alle Fälle überlegenswert.

Aber in einer Großstadt ist man ja dankbar für jede grüne Fläche. Ist es wirklich sinnvoll, Wälder für Windräder freizumachen, selbst wenn sie sonst wenig Nutzen haben? Oder wäre es nicht besser, die Flächen weiter zu begrünen und aufzuforsten?

Ich sage ja nicht, dass Berlin mögliche Windräder unbedingt in Wälder bauen sollte. Das ist nicht das Thema. Aber vielleicht können Wälder ein Teil der Anlagen beheimaten. Derzeit stehen in Berlin sechs Anlagen. Das Potenzial für weitere 20 oder 30 ist da. Nur für einen kleinen Teil davon kämen überhaupt Wälder infrage. Man muss wissen: Im Wald braucht ein Windrad ungefähr einen halben Hektar Fläche. Für die Bauphase nochmal einen halben, aber der darf wieder zuwachsen. Diese Fläche muss man aber an anderer Stelle eins zu eins wieder aufforsten. Dort kann man natürlich den Waldumbau fördern oder resistente Baumarten ansiedeln. Zusätzlich zum Aufforsten muss man auch einen Naturschutzausgleich schaffen. Das bedeutet zum Beispiel, dass in bestehenden wirtschaftlich genutzten Wäldern die Nutzung zurückgefahren wird… weiterlesen

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