„Rote Liste“: Zahl bedrohter Arten wächst stetig

„Rote Liste“: Zahl bedrohter Arten wächst stetig
Foto: Vinícius Mendonça/Ibama (CC BY 2.0)

Die „Rote Liste“ wird länger

Bericht zu Gefährdung von Baumarten, 30 Prozent akut von Aussterben bedroht

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Anfang September hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) auf einem Kongress im französischen Marseille bekanntgegeben, dass rund 28 Prozent der mehr als 138.000 erfassten Tier- und Pflanzenarten mittlerweile als bedroht gelten. Gründe dafür, dass die »rote Liste« immer länger wird, lägen in der Klimakrise sowie dem invasiven Eingreifen von Menschen in die Natur.

Erst kürzlich hatte »Botanic Gardens Conservation International« den »Bericht zum Zustand der Bäume der Welt« veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass von den 58.497 weltweit bekannten Baumarten 17.510, also rund 30 Prozent, akut vom Aussterben bedroht sind. Weitere sieben Prozent stuft die von einem globalen Netzwerk botanischer Gärten und der IUCN während der vergangenen fünf Jahre erarbeitete Studie als »möglicherweise bedroht« ein. Damit stehen mehr als doppelt so viele Baumarten auf der »roten Liste« wie Säugetiere, Vögel, Amphibien und Reptilien zusammen. Lediglich 41,5 Prozent der bekannten Holzgewächse bewerten die Forscher als ungefährdet. Bereits 142 beschriebene Arten seien ausgestorben, und von mehr als 440 Baumarten gebe es weniger als 50 Exemplare in der freien Natur.

»In den letzten 300 Jahren ist die Waldfläche weltweit um etwa 40 Prozent zurückgegangen«, heißt es in dem Bericht. Der Verlust von Lebensräumen sei die größte Bedrohung, verantwortlich sei vor allem die Landwirtschaft. 29 Prozent der Holzgewächse seien durch die Flächenumwandlung für den Nutzpflanzenanbau bedroht. »Die zweite große Bedrohung für Baumarten ist die direkte Ausbeutung, insbesondere für Holz, von der über 7.400 Baumarten betroffen sind«, schreiben die Forscher. Durch Rodung zur Nutzholzgewinnung könnten 27 Prozent der Baumarten für immer verschwinden.

Im Länderranking des globalen Baumzustandsberichts liegt Brasilien gleich zweimal vorne. Das größte Land Lateinamerikas hat nicht nur mit 8.847 Arten die vielfältigste Baumflora, sondern auch die meisten endemischen Arten: 4.226 der bis heute wissenschaftlich beschriebenen Holzgewächse kommen nur hier vor, rund 27 Prozent der endemischen Baumarten weltweit. Auch im Ranking der bedrohten Baumarten steht Brasilien mit 1.788 gefährdeten Arten weit oben, nur Madagaskar weist mit 1.842 mehr Arten auf der »roten Liste« auf.

Obwohl die Abholzungszahlen des Amazonasregenwaldes weiterhin dramatisch sind, finden sich die am stärksten bedrohten Baumarten Brasiliens nicht in Amazonien, sondern im Atlantischen Regenwald – eines der an endemischen Baumarten reichsten Ökosysteme der Welt. Von seiner ursprünglichen Ausdehnung von rund 1,3 Millionen Quadratkilometern von Nordargentinien bis Nordostbrasilien sind bereits etwa 90 Prozent vernichtet, der Rest fragmentiert.

Was noch übrig ist von diesem einzigartigen und noch lange nicht vollständig erforschten Waldökosystem, ist zwar seit 1998 als nationales Kulturerbe in Brasilien streng geschützt. Wer Teile des Atlantischen Regenwalds abholzen will, sei es für den Bau einer Ferienwohnsiedlung an Rio de Janeiros Grüner Küste, für die eigene Villa mit Golfplatz oder zur Ausweitung von Monokulturen, findet bis heute jedoch legale und illegale Mittel und Wege dafür. Hinzu kommt der staatlich vorangetriebene Ausbau des Straßennetzes, Staudämme und die unkontrollierte Ausbreitung der Städte in der Region.

Jüngsten Daten zufolge hat die Vernichtung des Atlantischen Regenwaldes in diesem Jahr sogar wieder zugenommen. Das brasilianische Weltraumforschungsinstitut (INPE) registrierte in der Region vom 1. Januar bis 23. August dieses Jahres 10.634 größere Brandherde, 9,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Insgesamt verbrannten in den ersten acht Monaten dieses Jahres bereits 7.746 Quadratkilometer des Waldökosystems. Wie viele Baumarten hier noch zu entdecken sind, ist ungewiss. Nur eines ist sicher: Mit jedem Waldbrand werden es weniger.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in der „junge Welt“ vom 07.09.21

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